Găsiți și pierduți Found and lost

Autor(en): 
Nicu Ilfoveanu: "Găsiți și pierduți Found and lost", Bucuresti 2011

So weit es das Wetter erlaubt, bin ich fast jedes Wochenende auf Bücher- und Flohmärkten unterwegs. Da lassen sich (auch im Bereich Fotobuch) immer wieder schöne Entdeckungen machen. Und dort springt so manches Buch ins Auge, das mir auf den zahllosen Blog- und Antiquariatsseiten des Internets wahrscheinlich nie auffallen würde. 

Der rumänische Künstler Nicu Ilfoveanu (geb. 1975) hat in seinem im Jahr 2011 selbstpublizierten Buch "Găsiți și pierduți Found and lost" Bilder von rumänischen Flohmärkten versammelt. Aber natürlich ist „versammelt“ hier keine hinreichende Beschreibung, denn die Bilder sind offensichtlich überlegt angeordnet und entwickeln dadurch in ihrer Abfolge einen beeindruckenden Rhythmus. Wahrscheinlich begleitet man als Betrachter den Fotografen über ein ganzes Jahr bei seinen Flohmarktbesuchen. Die Bilder, die mit dick vermummten Menschen mit Mützen und auch etwas schmutzigem Schnee beginnen, zeigen dann zwischendurch grelle Sonne und T-Shirts, bis die Jacken wieder dicker werden.

Rumänische Flohmärkte

Die Waren sind auf rumänischen Flohmärkten eher selten auf Tischen ausgestellt. Meist reicht eine auf dem Boden ausgebreitete Plane für die Präsentation der versammelten Dinge. Manchmal liegen sie aber auch direkt auf Schotter, Erde, Schnee oder Asphalt. Das hat nicht viel von der lichtbestrahlten Warenwelt einer heutigen Geschäftsauslage (hinter den vielleicht von einem Rumänen oder einer Rumänin regelmäßig geputzten Scheiben) in einer typischen Fußgängerzone. Und doch läßt bereits das erste Bild im Buch, noch vor der Titelseite, die auf dem Boden versammelten Dinge glänzen und strahlen, als lägen sie unter den Halogenspots eines hochpreisigen Juweliers.

Die kontrastreich, oft doppelseitig und randlos gedruckten Fotografien stellen bereits auf dem ausklappbaren Umschlag ihre Herkunft von analogem Material deutlich heraus. Das Korn der für die Aufnahmen genutzten hochempfindlichen Filme ist sichtbar und im ausgeklappten Zustand auch die mitvergrößerten Perforationslöcher für den Transport des Films. Die meisten dieser Bilder sind „aus der Hüfte“ fotografiert, zumindest scheint der Blickwinkel auf die Menschen das anzudeuten. So befindet sich der Betrachter mitten zwischen den Leuten und nur wenig über den zum Verkauf stehenden Dingen. 

Flohmarktanbieter als Kuratoren

Octav Avramescu geht in seinem Text, der sowohl in rumänischer als auch englischer Sprache abgedruckt ist, collageartig vor. Ganz leicht zu verstehen ist das für mich in der englischen Übersetzung nicht. In einem Satz deutet er Ilfoveanus Arbeit folgendermaßen: „He's chosen as subject the cassation-and-spare-pieces museums curated by open air proletarians...“. Die Verkäufer der auf einem Flohmarkt angebotenen Dinge als Kuratoren eines Museums, das hat schon was. Hier kommen anscheinend ganz unterschiedliche Kulturen zusammen. Vielleicht auch deshalb ist der auf dem Umschlag abgebildete Flohmarktbesucher mit dem Bauch und Brust bedeckenden Abbild Oscar Wildes auf dem T-Shirt ein fast schon symbolträchtiger Einstieg ins Thema.

 

Tja, auf Flohmärkten lässt sich vieles finden. Aber je länger man sich auf Ihnen aufhält wird einem vielleicht auch bewusst, dass noch mehr verloren geht. Nicht nur Bücher, die nach einem überraschenden Regenguss aus ihrer Bananenkiste heraus direkt als Altpapier entsorgt werden. Nicu Ilfoveanus Buch ist ein wunderbarer Blick auf diese Welt der Dinge, in der dann berechtigterweise doch wieder die abgebildeten Menschen die Hauptrollen spielen. Wie beim ovalen fotografischen Porträt der jungen Frau, welches zwischen den rumänischen und englischen Texten zu Beginn des Buches eingefügt ist und das selber vom Flohmarkt stammt. Die liebevolle Gestaltung des Buches bezieht sich nicht nur auf den bereits erwähnten Umschlag, der auch als kleines Poster dienen kann. So ist der Karton des vorderen Einbands mit kleinen, eingestanzten Abbildungen von Gegenständen wie zum Beispiel Schraubenschlüsseln verziert, die als Muster aber zunächst eher wie ein Mandala wirken.

 

 

„Găsiți și pierduți Found and lost“ ist nicht das einzige Buch Nicu Ilfoveanus, das einen ganz eigenen Blick auf die Welt im Allgemeinen und Rumänien im Besonderen wirft. Deshalb hier ein kurzer Hinweis auf die Website des Fotografen, auf der man sich u.a. einen kurzen Einblick in seine Publikationen verschaffen kann. Ausserdem lassen sich die meisten seiner Bücher dort auch direkt bestellen. 

 

© für alle Abbildungen bei Nicu Ilfoveanu

 

Fakten:
 
Nicu Ilfoveanu, Octav Avramescu: „Găsiți și pierduți Found and lost“, Bukarest 2011
Self-published
ISBN 978-073-0-11702-8
239 (gezählte) Seiten, 152 S/W Abbildungen, 25 cm x 29,5 cm, Karton mit Schutzumschlag
Auflage von 700 Exemplaren