2 x wirklichkeit

"2 x wirklichkeit", Hannover 1958, Galerie Seide

 

Es wird Zeit, dass ich in dieser Rubrik mal wieder einen Ausstellungskatalog vorstelle. Die Galerie Seide in Hannover war eigentlich nicht auf Fotografie spezialisiert. Aber es gibt eine interessante Publikation, den ersten Katalog aus dem Jahre 1958, der Fotografien von Chargesheimer und Arbeiten Oskar Sommers vereint. Unter dem Titel „2 x wirklichkeit“ werden hier also Fotografie und abstrakte Malerei einander gegenüber gestellt. Um die dargestellten Facetten von Wirklichkeit noch zu erweitern, enthält der kleine Katalog auch literarische Texte von Marcel Proust, Virginia Woolf und Johann Wolfgang von Goethe. Und darüberhinaus zwei Gedichte von Bertolt Brecht und Gottfried Benn.

 

Abstraktion und Realismus

 

Ganz so klar, wie man vermuten könnte, sind die Rollen zwischen Abstraktion und Realismus dabei gar nicht verteilt. Das sieht auch der Autor des Einleitungstextes Henning Rischbieter so: „...- alle diese bilder sind wirkliche leinwände, mit wirklicher farbe versehen – und geben nicht vor etwas anderes zu sein oder zu bedeuten, ...“ Viel realer als diese Malerei geht es also nicht. Wohingegen man beim so schnell erhobenen Anspruch der Fotografie Wiedergabe von Wirklichkeit zu sein, eigentlich immer gleich Bedenken anmelden muss. Rischbieter kommt schließlich zum Schluss, dass die eigentliche Bedeutung der Begegnung von Malerei und Fotografie in diesem Katalog und der dazugehörigen Ausstellung in der Galerie darin liegt „dem nachdenken über ein so gewichtiges wort wie wirklichkeit widerstände in den weg zu legen, deren bewältigung bereichert.“

Wer jetzt glaubt, beim Zitieren des Katalogtextes sei meine Shift-Taste blockiert gewesen, täuscht sich. Der gesamte Katalog ist konsequent in Kleinschrift gestaltet, mit Ausnahme der im Anhang befindlichen Werbeanzeigen, auf die ich zum Schluss des Textes noch kurz eingehen werde. Die Gestaltung lag im Übrigen in den Händen von Werner Seide, der allerdings zusätzlich eine ganze Anzahl an weiteren Namen von Personen nennt, die an der Herstellung beteiligt waren.

 

Titelblatt

 

Um zu zeigen, wie komplex die Arbeitsabläufe selbst bei einem zunächst eher unscheinbaren Katalog sein können, ist es vielleicht gar nicht verkehrt, hier einmal alle an der Produktion Beteiligten aufzuzählen, so wie sie auf der Rückseite des Titelblatts aufgeführt werden:

"an der herstellung waren ausser den beiden künstlern beteiligt
text: hans boulboullé, henning rischbieter
druck der lithografien: friedrich möhle und seine helferin frau losert
anfertigung der klischees: klischeeanstalt bade wilhelm bade rudolf grafe werner buch klaus meyer fotoatelier schocks
satz, druck, buchbinderische verarbeitung: august lax hildesheim   maschinensatz: heinz steinfelder  handsatz: fritz förster  umbruch: paul teichert
druck des textes: arthur arnike  druck der fotoreproduktionen und druck der farbreproduktionen: karl pape  korrektur und revision: willi tegtmeyer
druck des umschlags: robert oppermann  buchbinderarbeiten: georg gebhardt  versand: minna blumenthal
gestaltung w.seide"

 

Die Fotografien Chargesheimers zeigen Porträts, u.a. von Konrad Adenauer (Titel: „alter mann I“), aber auch Aufnahmen aus Paris, Berlin oder Köln („aus der serie „unter krahnenbäumen““). Eigentlich stehen die Fotografien zumeist für sich, wie auch die Werke Sommers ihren eigenen Raum beanspruchen dürfen. Es werden sogar zumeist unterschiedliche Papiersorten für die jeweiligen Reproduktionen verwendet. Wobei das für den Abdruck der Fotografien verwendete, sehr dünne Papier bei meinem Exemplar inzwischen stark gebräunt ist. Zweimal stossen die beiden Welten dann doch direkt auf Doppelseiten aufeinander. Und dazu gibt es einen Text Hans Boulboullés unter dem Titel "versuch, eine fotografie und ein nichtgegenständliches bild zu vergleichen", in dem der jeweilige Bildkosmos dann aber doch weniger verglichen, als eigenständig beschrieben wird.

 

Werner (Adam) Seide

 

Ein paar Bemerkungen zum Betreiber der Galerie Werner Seide (1929-2004) sind an dieser Stelle vielleicht angebracht. Dass er ursprünglich eine Ausbildung als Schriftsetzer genossen hatte, lässt sich am typologisch interessant gestalteten Katalog vielleicht ablesen. Und das könnte auch ein Grund für die gewissenhafte Nennung so vieler handwerklich am Katalog Beteiligter sein. Von 1958 bis 1962 betrieb Seide in Hannover seine Galerie, mit der er anschließend nach Frankfurt am Main umzog. Später machte er unter dem Namen Adam Seide auch als Schriftsteller von sich reden. Und ab 1998 lehrte er an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe.

Die letzten Seiten des Katalogs enthalten Werbung überwiegend ortsansässiger Firmen. In einer Anzeige der Büchergilde Gutenberg wird für den Chargesheimer Bildband „Im Ruhrgebiet“ geworben. Und auch die Volksbuchhandlung Pressehaus wirbt mit der Verfügbarkeit von Büchern Chargesheimers. Schließlich lässt sich ein Hannoveraner Tapetenhaus  auf einen Dialog der eingeklebten, farbig gedruckten Anzeige mit dem letzten Bild Oskar Sommers ein. Auch das zwei Wirklichkeiten.

 

 


 

 

Fakten:

 

„2 x wirklichkeit“, Hannover, 1958

Galerie Seide

40 Seiten (+ 12 Seiten Werbung), 8 Seiten mit Reproduktionen (davon eine in den Katalog eingeklebt) von Werken Oskar Sommers,  15 S/W Abbildungen nach Fotografien Chargesheimers auf  13 Seiten, 21 cm x 23 cm

Auflage: 1000 Exemplare (davon 100 als Vorzugsausgabe, nummeriert und von Oskar Sommer signiert)